Eine Kurzgeschichte von ASKIN-HAYAT DOGAN. Geschrieben im Rahmen des Jungautoren-Wettbewerbs 2015 von NoReturn.

Sprecher: GEORG BRUCKMANN

http://www.nachwelt2018.de

http://georgbruckmann.blogspot.de/

Zentrum-Archiv-Datei: MANFRED ALTENSCHMIDT

Sprecherin: MISSBRITT

missbritt3010@icloud.com

 

Animation / Schnitt: CHRISTOPH BAUERFEIND

http://www.virtuosity-pictures.de

 

Musik: MICHAEL DUNKELFELS

Steampunkband DRACHENFLUG

http://www.drachenflug.blogspot.com

 

Grafik und Illustration: MANFRED ALTENSCHMIDT

Copyright 2017 by NORETURN - Alle Rechte vorbehalten.



Ein Tag nach dem Ende aller Tage

Die Stadt erwacht langsam. Mütter machen Frühstück für ihre Kinder. Väter setzen sie auf ihrem Weg zur Arbeit an der Schule ab. Es ist ein reger Strom auf den Straßen. Von weit oben könnte man meinen, man beobachtet einen Ameisenhaufen. Alle wollen schnell zur Arbeit, um dort von 9 bis 5 zu bleiben. Dann wollen sie wieder schnell nach Hause. Sie essen. Sie schauen fern. Sie schlafen in gemütlichen Betten, die etwas zu weich sind, um wirklich gut für den Rücken zu sein. Es ist langweilig. Es ist sicher. Es ist gut. Dann fallen die Bomben.

Niemand ahnte es. Niemand verstand es. Niemand war darauf vorbereitet.

Und die schöne, einfache Welt ging in Flammen auf.

 

Sie hatte jede Nacht denselben Traum. Sie hatte keine Ahnung was das bedeuten sollte. Sie verstand die Bilder nicht, die sie jede Nacht sah. Doch die Welt war nicht immer so wie jetzt, das wusste sie. Die Welt war einmal anders gewesen. Besser. Aber die Menschen hatten sie zerstört. Oder ihre Zerstörung zumindest zugelassen und jetzt mussten die wenigen Überlebenden schauen, wie sie klar kommen. Ihren Unterschlupf im Keller eines ehemaligen Hochhauses hatte sie jetzt schon zwei Wochen. Bisher hatte nur ein einsamer Streuner versucht ihn ihr wegzunehmen. Es hatte sie eine Kugel aus ihrem Revolver gekostet ihn zu vertreiben. Sie packte ihre Sachen zusammen. Schlafsack, der kleine Gaskocher, zwei volle Konserven, drei leere Dosen zum Tauschen, ein Feuerzeug, ein Messer, Wasserfilter, eine fast leere Wasserflasche und ihre Pistole verstaute sie am Körper oder in ihrem kleinen Rucksack, der auf einem Etikett versprach ein Leben lang zu halten. Selten hatte Werbung wahrere Worte gesprochen. Auch wenn sie nicht wusste, was Werbung war oder mehr als ein paar Buchstaben und Zeichen lesen konnte.

Der Traum von letzter Nacht beunruhigte sie immer noch etwas. Doch das würde im Laufe des Tages vergehen, bis sie sich wieder zum Schlafen hinlegte und eine Erinnerung, die nicht die ihre war, sich in ihren Träumen breit machte. Sie blickte sich in dem zwielichtigen Raum um, der nur erhellt wurde durch ein faustgroßes Loch in der Decke, wo früher ein Gebäude war. Sie hatte alles eingesteckt bis auf den kleinen, knapp einen Meter breiten Tisch, den sie vor einer Woche hier hinein geschleppt hatte. Er war zu sperrig für den Rucksack und ohnehin eher ein Luxusgegenstand, von dem nicht ihr Überleben abhing. Den Rest nahm sie aber lieber mit. Man konnte nicht wissen, ob nicht heute Abend jemand anderes diesen Unterschlupf beanspruchen würde. Jemand, den sie nicht einfach mit einem Schuss vertreiben konnte. Bevor sie die Tür öffnete, prüfte sie ihren Revolver. Drei Kugeln hatte sie noch. Genug um einen Streuner zu vertreiben, aber nicht genug um ernsthaft zu kämpfen. Aber das war auch nicht ihre Art. Es kam aufs Überleben an. Wenn es irgendwo schwierig ist, dann geht man halt woanders hin.

Wegducken. Ausweichen. Überleben.

Die Tür hatte sie mit einem Fahrradschloss gesichert. Es würde keinen ernsthaften Versuch einzudringen stand halten, aber es ließ sie nachts schlafen. Die Kombination war 1, 2, 3 und ihr war nicht bewusst, wie wenig einfallsreich das war. Sie schloss die Tür hinter sich wieder zu und ging ins ehemalige Erdgeschoss der Ruine. Dort hatte sie über Nacht eine Dose hingestellt um Regenwasser zu sammeln. Die Dose war halbvoll und sie leerte ihre Wasserflasche und füllte das Regenwasser hinein, wobei sie es vorsichtig durch den Wasserfilter laufen ließ. Ihr „Wasserfilter“ war eigentlich ein Kaffeefilter. Den groben Dreck konnte sie so heraus filtern, aber nicht die Radioaktivität und andere Giftstoffe, von denen sie nichts ahnte. Nachdem sie das Wasser verstaut hatte, begann sie die umliegenden Ruinen zu erforschen. Sie begab sich in Richtung Südosten, da sie dort bisher wenig unterwegs gewesen war. Stundenlang bewegte sie sich durch Ruinen von Häusern, die einmal mit Leben gefüllt waren. Sie war nicht alleine dort unterwegs, doch man ging sich aus dem Weg und jenen, die auf Konfrontation aus waren, ging sie aus dem Weg. In den Jahren hatte sie ein gutes Gefühl dafür entwickelt, wann man sich verstecken muss und wann man weglaufen muss oder auch einfach in welche Ruine man besser nicht schaut.

Ihre Mühe hatte wenig zu Tage gefördert. Eine einzelne flache Konserve, deren Beschriftung schon verloren gegangen war, so dass sie einfach nur metallisch in ihrer Hand funkelte. Was darin war und auch ob es noch genießbar war, würde sie erst herausfinden, wenn sie es versuchen würde zu essen.

Es war noch nicht ganz Mittag, als sie an eine Straße kam. Straßen waren gefährlich. Denn auf Straßen waren nicht nur immer ein Haufen Leute unterwegs, sondern auch viele motorisierte Typen und wer ein Auto oder Motorrad hatte, musste ihr nicht aus dem Weg gehen. und wer ihr nicht aus dem Weg gehen musste, der konnte ganz schön gefährlich sein. Sie hatte ein komisches Gefühl, obwohl weit und breit niemand zu sehen war. Es war eine große, vielspurige Straße auf der einst jeden Tag vermutlich Millionen Menschen unterwegs waren. Sie musste unweigerlich an ihren Traum denken. Jetzt war hier alles menschenleer.

 

Sie hatte die Straße zur Hälfte überquert als eine gewaltige Staubwolke im Süden zu sehen war und sich näherte. Da kam nicht nur ein Fahrzeug, sondern gleich mehrere. Vermutlich eine verfluchte Gang. Sie rannte zur gegenüberliegenden Straßenseite, die ihr jetzt näher war, als jene von der sie gekommen war. Blitzschnell suchte sie ein Versteck und fand eines unter einem Schutthaufen. Sie legte sich in den Staub und, trotz ihrer Angst, riskierte sie einen Blick auf das, was da herangerast kam. Es war eine Gang. Eine Truppe archaischer Krieger, die mit Cyperimplantaten ausgestattet waren. Sie erkannte das Symbol, welches sie trugen: ein Hammer vor einem Speer. Die verfluchten „Sons of Odin“. Wenn diese sie in ihre metallverstärkten Hände kriegen würden, dann müsste sie nur zu deren Spaß grausam leiden. Sie senkte den Blick und hoffte, dass die Sons sie nicht gesehen hatten oder einfach besseres zu tun hatten. Die Minuten verstrichen. Und die Sons fuhren weiter. Sie kroch unter dem Schutt hervor und klopfte sich den Staub ab. Sie nahm einen winzigen Schluck aus der Wasserflasche, denn mehr wollte sie sich nicht gönnen.

Als sie ein kleines Punk-Mädchen keine 15 Meter entfernt sah. Das Mädchen war sicher keine zwölf Jahre alt, aber ihr Blick hatte nichts Kindliches oder Ängstliches. Sie bekam kalten Angstschweiß auf der Stirn beim Anblick dieses Mädchens, ohne zu wissen weshalb. Panisch schoss ihre Hand an den Pistolengriff, doch dann drehte sich das Mädchen einfach um und ging fort. Das Unheimlichste war, dass sie sicher war, das Mädchen lächeln gesehen zu haben.

Als sie sich gesammelt hatte, entschied sie erstmal weiter auf dieser Seite der Straße zu suchen, bevor sie sich gleich auf den Heimweg machen würde. Jetzt hatte sie die Straße ja nun schon überquert. Da machte es Sinn die Gelegenheit zu nutzen und dieses Mädchen schien kein Interesse gehabt zu haben ihr etwas weg zu nehmen. Ihr kam der Gedanke, dass das Mädchen eher an ihr interessiert gewesen zu sein schien. Doch dieser Gedanke war absurd und sie schob ihn beiseite.

In wenigen hundert Metern Entfernung fand sie ein Haus, das noch fast zur Hälfte stand. Ihr Gefühl sagte ihr, dass, obwohl es ein guter Unterschlupf war, niemand darin wäre. Sie ging durch ein Loch in der Wand und fand frische Spuren im Staub. Auch wenn niemand da war, so war zumindest noch vor kurzem jemand hier. Sie zog ihren Revolver und ging vorsichtig in den nächsten Raum. In der Ecke unter dem noch halb vorhandenen Dach hatte sich jemand einen Unterschlupf eingerichtet und diesen sowie sein Hab und Gut unbeaufsichtigt gelassen. Deshalb nahm sie immer alles mit, wobei ihr Unterschlupf weit besser gesichert war. Eine Decke, ein paar Kerzen und drei Konserven mit Nahrung standen herum. Sie stopfte die Konserven und die Kerzen in ihren Rucksack und überlegte gerade, ob sie auch die Decke mitnehmen wollte, als sie draußen Schritte hörte.

Die Katzenmutantin blieb erschrocken stehen, als sie ihren Revolver auf sie richtete. Die Mutantin war unbewaffnet und gab lediglich ein böses Fauchen von sich. Vermutlich war sie auf der Flucht vor dem Zentrum hierhergekommen.

Als diese bemerkte, dass ihre Vorräte fort waren, wurde ihr Blick verzweifelt. Sie bemerkte wie abgemagert die Mutantin aussah. Sie konnte nicht anders. Sie musste an ihren Traum denken. Die Welt war einmal anders gewesen. Besser. Und sie wollte sie nicht schlechter machen. Sie behielt den Revolver zwar in der Hand und zielte weiter auf die Katzenfrau, aber mit der freien Hand kramte sie zwei der Konserven heraus. Das würde reichen, dass die Mutantin nicht in den nächsten Tagen verhungerte. Und eine Konserve und die Kerzen waren ein ausreichender Preis dafür, dass sie so unaufmerksam gewesen war und ihre Sachen unbeaufsichtigt gelassen hatte. Die Mutantin verstand die Geste und trat zur Seite, so dass sie die Ruine verlassen konnte. Mittag war jetzt schon lange vorbei und sie machte sich auf den Heimweg. An diesem Tag hatte sie keine schlechte Ausbeute gemacht.

Als sie an ihrem Unterschlupf ankam, fand sie das Fahrradschloss unangetastet vor. Nachdem sie die Tür von innen verschlossen hatte, breitete sie den Schlafsack aus, stellte zwei der Kerzen auf den Tisch und zündete sie an und holte die unidentifizierte Konserve vom Vormittag hervor. Sie war neugierig, was in dieser Dose war. Es stellte sich als breiige, salzige Substanz heraus, die aber zumindest in ihrem Magen blieb und nicht wieder hinaus wollte. Sie bekam nur fürchterlich Durst davon, doch sie hatte wieder oben ihre Dose platziert, also erlaubte sie sich noch einen großen Schluck.

Dann legte sie sich hin und träumte von einer besseren Welt, die nicht mehr ist.

by Gordon Nies

im Rahmen des (Jung-)Autorenwettbewerbs 2015


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